13.05.2020
JA zum Leben! – (vorerst) MIT Corona…

Warum „Alarmismus“ unser Rettungsanker war - und nun allmählich zur Bedrohung wird!

 

Ein Kapitel meiner Doktorarbeit befasst sich mit dem Phänomen der „Tendenz zum Alarmismus“.  Seit sie gedruckt wurde, habe ich nicht mehr hierüber nachgedacht – bis zur Coronakrise. Das Konzept beschreibt die Neigung des Politischen zugunsten der strategischen Vorsicht. Seine reale Existenz hat uns in den letzten Monaten vor dem Schlimmsten bewahrt. Seither hält es uns fest in seinen Fängen. In absehbarer Zukunft könnten die Tücken dieser Logik nun vermeidbaren Schaden verursachen. Wir sind deshalb gut beraten, diesen Mechanismus zu verstehen, seinen Pfadabhängigkeiten vorübergehend zu folgen und zur richtigen Zeit aus deren Bahnen auszubrechen.

 

(M)Ein Plädoyer FÜR die „Tendenz zum Alarmismus“

Treten unvorhersehbare Katastrophen auf, ist es aus der Sicht von politischen Entscheidungsträgern rational, ihnen mit der größtmöglichen Entschlossenheit zu begegnen. So verhält es sich nicht einzig bei Terroranschlägen oder Naturkatastrophen, wie es der rasante Anstieg der Beliebtheitswerte von George W. Bush nach 9/11 oder Gerhard Schröder nach dem Elbe-Hochwasser eindrucksvoll zeigten. Es schlägt dann die Stunde der beherzten Krisenmanager, die „whatever it takes“ veranlassen, um die unerwartete Ausnahmesituation unter Kontrolle zu bekommen – und das ist gut so! Nicht anders verhält es sich in der Coronakrise, die hierzulande längst als größte Herausforderung der Nachkriegszeit gilt. Umso besser, dass die vorbeschriebene „Tendenz zum Alarmismus“ griff und uns handelnde Politiker zu einem nie gekannten Lockdown veranlasste, der einen Kollaps des Gesundheitssystems verhindert und zahllose Menschenleben gerettet hat.      

 

…(m)ein Plädoyer DAGEGEN!

Die Krux an der Sache: Alarmismus führt unweigerlich zu einer einseitigen Betrachtungsweise. Wenn nicht in den Köpfen der politisch Verantwortlichen, dann mindestens in der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit. Das ist vorübergehend äußerst hilfreich, auf Dauer aber ebenso gefährlich. Wenn etwa eine Sturmflut Einzug hält ist es goldrichtig, vorerst alle staatlichen Bemühungen auf deren Eindämmung auszurichten, bis die Gefahr vorüber ist. So ist das freilich auch, wenn ein Virus droht Menschen zu töten. Was aber, wenn es nicht gelingen kann diese Bedrohung binnen einer angemessenen Frist endgültig abzuwenden? Dann wird die „Tendenz zum Alarmismus“ samt ihrer vollständigen Konzentration aller Kräfte auf eine einzige Herausforderung zum Problem. Solange ihre Kausalketten greifen, goutiert die öffentliche Meinung nämlich jedes wohlgemeinte Bemühen zur Bewältigung einer einzigen Aufgabe – während dessen sämtliche Auswirkungen auf alle anderen Bereiche unreflektiert bleiben. In Kurzform und konkret gilt damit für die Politik: Was im Namen der Eindämmung von COVID19 geschieht ist gut – etwaige Nebenwirkungen spielen (vorerst) keine Rolle. Dieser Effekt wird durch die Tatsache verstärkt, dass Erfolge im Kampf gegen SARS-CoV-2 den politischen Entscheidern unmittelbar zugerechnet werden, während die Verantwortung für etwaige negative Folgen gestückelt und an andere Teilbereiche unserer Gesellschaft delegiert werden können. Spätestens seit uns die schrecklichen Bilder aus Italien erreicht haben ist klar, dass nunmehr jeder Corona-Tote der politischen Führung zugerechnet würde, wobei die Konsequenzen jeder Prävention hiergegen – ganz egal ob sozialer oder ökonomischer Natur – von der Allgemeinheit akzeptiert und auf viele Schultern (Wirtschaft, Schulen, Familien, Freundeskreise, Vereine usw.) verteilbar sind. Infolgedessen ist es politisch rational, sämtliche Variablen jenseits der tagesaktuellen Infektionszahlen bestmöglich auszublenden. Schließlich bliebe jedes Überziehen in der Auseinandersetzung mit dem Corona-Virus nahezu ohne Sanktion, während schon das geringste Untertreiben verheerend wäre – willkommen in der Spirale des Alarmismus!

 

Wie durchbrechen wir also die Spirale des Alarmismus?

Bis zum aktuellen Zeitpunkt haben uns die vorbeschriebenen Zusammenhänge geholfen einen gesellschaftlichen Konsens zugunsten dringend notwendiger Einschnitte herzustellen. Dank dieser Rückendeckung war es mutigen Politikern möglich, mit der gebotenen Entschlossenheit zu veranlassen, was richtig war – „whatever it took“. Die Stunde der entschlossenen Krisenmanager schlug zu Recht und ihr hohes öffentliches Ansehen ist zur Stunde ebenso berechtigt, wie der Liebesentzug der deutschen Öffentlichkeit zulasten aller Zauderer. Gleichwohl hat das politische Anforderungsprofil bereits damit begonnen sich zu ändern – die dabei gegen uns laufende Uhr tickt je lauter, desto klarer wird, dass Corona unsere Lebenswirklichkeit auch weiterhin begleiten wird. Falls dem so ist – wovon wir ausgehen müssen – wird das Erfordernis der Eindämmung des Virusgeschehens auf Sicht eine Konstante bleiben, während die negativen Auswirkungen der zu diesem Zweck ergriffenen Maßnahmen exponentiell zunehmen. Dabei ist ein Break-Even-Point zu erwarten, vor dessen Erreichen wir gut beraten sind, die Spirale des Alarmismus zu durchbrechen.

 

Die Lösung: JA zum Leben! – (vorerst) MIT Corona

 

Die Lösung kann folglich nur in der Erkenntnis liegen, dass wir JA zu einer neuen Normalität MIT dem SARS-CoV-2-Virus sagen müssen. Für diesen Zeitraum, bis endlich ein Medikament oder Impfstoff vorliegen, mit denen die Krankheit final überwunden werden kann, müssen wir unser Leben so organisieren, dass Virusbekämpfung und Nebenfolgen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Dieses muss zudem auf Dauer haltbar sein. Die Rolle der Politik besteht dabei darin, auf geeignete Weise zwischen den berechtigten Anliegen von Gesundheitsschutz, Sozialem und Ökonomie zu moderieren und hierfür stets aufs Neue einen gesellschaftlichen Konsens zur organisieren. Dieser Balanceakt darf von nun an nicht weniger engagiert gestaltet werden, als der bisherige Lockdown – Entschlossenheit und Mut bedarf es hierzu mindestens genauso viel!