02.01.2021
Lehren aus Corona: Ein Plädoyer für die Chance in der Krise!

Lehren aus Corona: Ein Plädoyer für die Chance in der Krise!

 

Corona hat unsere gemeinsame Heimat vor die größten Herausforderungen der Nachkriegszeit gestellt. Verantwortlich hierfür sind mindestens zwei Spezifika der Pandemielage, welche die Corona-Krise von allen anderen Krisenerfahrungen der jüngeren Vergangenheit unterscheidet: i) Covid19 betrifft uns alle und ii) niemand kann dem Virus im Alleingang die Stirn bieten.

 

Corona trifft uns alle

Anders als die Asylkrise des Jahres 2015 differenziert die Pandemie hinsichtlich ihrer Betroffenheiten nicht zwischen Nationalstaaten oder gesellschaftlichen Subgruppen – sie tangiert stattdessen den gesamten Erdball und bedroht Menschen aller Schichten. Im Unterschied zu den Auswirkungen der Weltfinanzkrise betrifft Corona nicht im Besonderen die Armen oder Reichen. Das Virus unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau, der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft oder Ethnie. Selbst der demographische Faktor wirkt sich höchstens auf die Wahrscheinlichkeit eines komplikationsreichen Verlaufs, nicht aber auf die grundsätzliche Gefahr einer Ansteckung aus. Auch wenn Infektionsrisiken, Behandlungsoptionen und Genesungschancen strukturell divergieren, ist potenziell jede und jeder von der Pandemie bedroht – der Londoner Investmentbanker nicht weniger als die Großmutter aus Melbourne oder das Kind in einer südamerikanischen Favela. Corona wütet global und nach biochemischen Mechanismen, die sich für die Ordnungslogik unserer modernen Welt nicht interessieren. Das Virus geht uns deshalb alle an – niemand vermag sich Covid19 zu entziehen.

 

Niemand kann Corona im Alleingang die Stirn bieten 

Jenes zentrale Charakteristikum der Pandemielage schlägt unvermindert auf unsere Optionen zur Eindämmung von Corona durch: Keiner kann dies qua eigener Genialität alleine leisten. Niemand vermag sich der potenziell tödlichen Bedrohung individuell zu entziehen. Kein Mensch, kein Staat und kein Kontinent. Stattdessen spielen wir alle – auf Gedeih und Verderb – zwangsläufig im „Team Menschheit“. Vom verschwörungstheoretischen Corona-Leugner bis zur angstvollen Repräsentantin der vulnerablen Gruppe. Vom Imam bis zum Papst. Vom asiatischen Reisbauern bis zum afrikanischen Stammesfürsten. Vom Demokraten bis zum Despoten. Wir alle haben in Covid19 einen gemeinsamen „Gegner“ gefunden, der einzig durch konzertiertes Bemühen und weltweite Solidarität erfolgreich von unserem Planeten vertrieben werden kann. Wir sind alle betroffen und wechselseitig aufeinander angewiesen. Jede auf Jeden, mit allen ethischen, kulturellen, politischen, juristischen, ökonomischen und steuerungstheoretischen Fragen, die hieraus erwachsen. Dies ist es, was Corona zweifellos zur größten Herausforderung der jüngeren Geschichte macht.

 

Covid19: Homogener Ausgangspunkt – facettenreiches Problembewusstsein

So viral sich die Pandemie in alle Winkel der Weltgesellschaft ergießt, so mannigfaltig stellen sich die dadurch verursachten Probleme dar. Entsprechend vielseitig fallen die je ergriffenen Maßnahmen aus, mit der die rasante Ausbreitung des Infektionsgeschehens zurückgedrängt werden soll. Die Keimzelle hiervon – in Gestalt eines neuartigen Erregers – ist auf dem gesamten Erdball gleich, die sich hieran entzündenden politischen und gesellschaftlichen Debatten variieren jedoch etwa in Abhängigkeit von Staatsform, kultureller Prägung, Soziostruktur oder wirtschaftlicher Lage der von Corona heimgesuchten Regionen. Es macht einen Unterschied, ob man sich Covid19 in einer westlichen Demokratie, einer kommunistischen Diktatur oder einem von Korruption und Bandenkriegen zerrütteten Entwicklungsland ausgesetzt sieht. Es spielt eine Rolle, ob man Zivilschutz für Megacitys zu organisieren hat oder eine Strategie für die Lebensmittelversorgung dünn besiedelter Einöden auf die Beine stellen muss.  Selbstredend ist die Lage für diejenigen komfortabler, die – wie wir – auf dem Weg durch die Pandemie von Spitzenwissenschaft begleitet werden und finanziell aus dem Vollen schöpfen können. Natürlich hängt der Blick auf Corona auch davon ab, welche sonstigen Herausforderungen eine Gesellschaft überdies zu meistern hat. Und doch hat das Konzert der Staaten dieser Erde – vielleicht zum überhaupt ersten Mal – ein gemeinsames Motiv: Corona. Wann immer ich mich in der Vergangenheit mit meinem parlamentarischen Freund aus Kenia austauschte, war mir dies bislang ein Gradmesser für die bemerkenswerte Unterschiedlichkeit der von uns zu bearbeitenden Problemlagen. Heute sprechen wir über das Gleiche: Inzidenzzahlen, Todesraten und die Frage, wie wir Corona in den Griff bekommen. Ein klares Indiz für die bemerkenswerte Dimension der Krise – aber auch eine Chance für uns alle, für mehr Bewusstsein, um das Erfordernis der transnationalen Kooperation!

 

Brennglas-Effekt als Fingerzeig in eine gute Zukunft

Trotz aller beschriebenen Heterogenität, der von Corona ausgelösten Handlungserfordernisse, gilt eine Beobachtung nämlich global: Das Virus wirkt – allerorts und über sämtliche politischen Ebenen hinweg – wie ein Brennglas, das Fehlentwicklungen der Vergangenheit verdichtet vor Augen führt und Optimierungsbedarf plakativ aufzeigt. Beginnend in den Kommunen, wo Politik unmittelbar auf die Lebenswirklichkeit der Menschen trifft und es etwa galt Katastrophenstäbe zu etablieren, Kinder(not)betreuung unter Pandemiebedingungen zu reorganisieren, Krankenhäuser gegen ihre Überlastung zu rüsten oder über Nacht Test- und Impfstationen aus dem Boden zu stampfen. Weiter über die deutschen Länder, die sich innerhalb unseres föderalen Systems und unter Würdigung eines zunächst ungleichen Infektionsgeschehens überregional abzustimmen, ihr in Länderhoheit befindliches Schulwesen zu organisieren und gemeinsame Präventionsmaßnahmen auf den Weg zu bringen hatten. Ebenso auf Ebene der Nationalstaaten, die täglich die Balance zwischen einer effektiven Pandemiebekämpfung und deren volkswirtschaftlichen sowie sozialen Nebenwirkungen justieren müssen, ohne eine unkalkulierbare Spaltung der Gesellschaft zuzulassen. Schließlich auch im internationalen Umfeld, wo Lieferketten abzubrechen drohen und die Entscheidungsmechanismen supranationaler Institutionen erkennbar an ihre Grenzen geraten. Gerade die dabei gemachten Beobachtungen sind es, in denen ich die viel zitierte Chance in der Krise zu erkennen glaube.

 

Krisis als Wendepunkt – die Chancen in der Krise erkennen und nutzen

Stellen wir es nunmehr nämlich richtig an, so kann der vorbeschriebene Verdichtungseffekt zum Anlass für eine zielgerichtete Analyse dienen. Selbige wird bestenfalls Schlussfolgerungen zulassen, deren Veranlassung andernfalls Jahrzehnte in Anspruch genommen hätten. So kann die Krise ihrem Wortsinn nach zum „Wendepunkt“ ins Positive werden, die sich als Katalysator für die Beschleunigung von Reformen auf nahezu allen Politikfeldern auswirkt. In anderen Worten reformuliert sollten wir die Zeit, in der Staat und Gesellschaft in ein vorübergehendes Koma versetzt sein müssen, nutzen, um die Richtung zu überdenken, in die der Patient nach seinem Erwachen weiterläuft. Es gilt in einiger Hinsicht den Startblock neu auszurichten, aus dem heraus wir in die Post-Corona-Ära sprinten. Alleine beim Zivilschutz und in der Gesundheitspolitik, in der internationalen Entscheidungsarchitektur oder bei der Digitalisierung liegt mit Händen greifbarer Reform- und Innovationsstau auf der Hand. Corona kann der Zeitraffer sein, der die hierfür notwendigen Entscheidungsprozesse – sowie die zugehörige Investitionsbereitschaft – aus der Zukunft ins Heute transformiert. Der dazu unvermeidbare Bruch mit gewachsenen Pfadabhängigkeiten und die Revision mancher lähmenden Struktur wird sich sodann auch positiv auf andere Masterthemen unserer Zeit auswirken: Auch der Klimaschutz bedarf leistungsfähiger internationaler Entscheidungssysteme, auch der demographische Wandel und die damit verbundenen Herausforderungen in unserem nationalen Gesundheitssystem benötigen parteiübergreifendes Einsehen in die Notwendigkeit struktureller Reformen. Die Pandemie hat ein Handlungsfenster hierfür geöffnet. Wir sollten es nutzen – wir sollten die Chancen der Krise beim Schopfe packen. Mit einem gerüttelt Maß an Umsicht, sowie der gebotenen Vorsicht, aber auch mit Zuversicht, ohne die Veränderung zum Guten nicht gelingen kann!