01.03.2021
Der Bayernplan.

Mit UMSICHT, VORSICHT und ZUVERSICHT zurück zu NORMALITÄT und FREIHEIT!

Die Coronapandemie stellt unser Land und seine Menschen leider noch immer vor die größten Herausforderungen der Nachkriegszeit. Während unsere Gesellschaft und Bayerns Wirtschaft seit über einem Jahr empfindliche Einschränkungen zugunsten der Eindämmung des Virus erdulden, haben mehr als zehntausend Bayerinnen und Bayern in den letzten Monaten ihr Leben an Covid19 verloren – ihre Familien und Freunde bleiben fassungslos zurück.

Gleichwohl zeigt das beherzte Krisenmanagement der Bayernkoalition aus FREIE WÄHLER und CSU Wirkung, sodass ein Silberstreif am Horizont erkennbar wird. Dass in Rekordzeit ein Impfstoff gegen den gefährlichen Erreger entwickelt werden konnte, macht ebenso Hoffnung, wie die wachsende Aussicht auf Therapien gegen Corona, die in Zukunft schwere Verläufe abmildern und Todesfälle verhindern könnten.

Mit Disziplin und Zusammenhalt ist es dem #TeamBayern erneut gelungen, über das kontrollierte Herunterfahren weiter Teile des öffentlichen Lebens auch die zweite Welle der Coronapandemie zu brechen. Soweit die unkalkulierbaren Gefahren einer Mutation des Virus unsere Pläne nicht durchkreuzen, versetzt uns dieser gemeinschaftliche Erfolg in die Lage, nunmehr erste Schritte zurück in Richtung Normalität und Freiheit zu gehen.

Hierfür unterbreitet die Regierungsfraktion der FREIE WÄHLER den vorliegenden Bayernplan für einen verantwortungsbewussten und nachhaltigen Exit aus dem Lockdown. Im Zuge dessen unterteilen wir die Bewältigung der Coronakrise in drei Phasen. Überdies schlagen wir drei Kriterien vor, an denen sich der Prozess einer sukzessiven Rücknahme der zur Pandemiebekämpfung verhängten Einschränkungen orientieren kann.

I) Die Phasen.

Als Corona im März des vergangenen Jahres auch unsere Heimat überrollt hat, ging es sprichwörtlich um Leben und Tod. Um eine Eskalation des Infektionsgeschehens, wie sie etwa Norditalien zum damaligen Zeitpunkt erlebte, zu verhindern, galt es schnell und entschlossen zu handeln. Dies musste in einem Entscheidungsumfeld geschehen, in dem die wissenschaftliche Expertise über Covid19 noch recht überschaubar war. Ferner mangelte es uns an institutionalisierten Entscheidungs- und Umsetzungsmechanismen, um dieser historischen Herausforderung die Stirn bieten zu können.

Bereits ein halbes Jahr später war es gelungen, erhebliches Wissen über das Coronavirus und dessen Ausbreitung zu akkumulieren. Zudem gelang es uns in Bayern, einen geeigneten Modus zur Koordination der Entscheidungswege zwischen Ministerpräsidentenkonferenz, Kabinett und Landesparlament zu etablieren.

Gleichwohl mussten wir im Herbst des letzten Jahres konstatieren, dass sich – wie bei respiratorischen Krankheitsbildern üblich – der Jahreszeiteneffekt in ganz erheblicher Weise auf die Verbreitung von Corona ausgewirkt hatte. Das Infektionsgeschehen geriet außer Kontrolle, eine verlässliche Nachverfolgung von Infektionsketten wurde unmöglich und wir sahen uns einem drohenden Kollaps des medizinischen Systems in unserem Land ausgesetzt.

i) Phase I: Eindämmung

Um in dieser gefährlichen Situation die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zurückzuerlangen, war es unausweichlich, erneut aufs Sensibelste in das öffentliche Leben einzugreifen und unsere Gesellschaft mittels eines harten Lockdowns kontrolliert herunterzufahren. Sinnbildlich gesprochen saßen wir Ende Oktober des letzten Jahres auf dem Rücksitz eines Fahrzeugs, das sich mit immer größerer Geschwindigkeit geradewegs auf eine Wand zubewegte. Es war daher nötig und richtig, auf den Fahrersitz umzusteigen und ein beherztes Bremsmanöver einzuleiten – keine Vollbremsung, auf die Gefahr hin unser Land aus der Spur und ins Schleudern zu bringen, doch aber eine entschlossene Schlagbremsung, bei der sich die Sicherheitsgurte leider stramm um die Brust vieler Gesellschaftsbereiche und Branchen spannten. Aus heutiger Sicht ist klar, dass wir diesbezüglich noch früher und entschlossener handeln hätten müssen – die Sorge um eine vermeidbare Verstärkung gesellschaftlicher Zentrifugalkräfte hielt uns damals zunächst hiervon ab, weshalb eine mehrfache Verlängerung und Vertiefung des Lockdowns notwendig wurde, welche die Geduld der Menschen und die existentielle Not vieler Wirtschaftsbereiche aufs Schärfte strapazierte. Gleichwohl war diese, hier als „Phase I“ betitelte und mit heftigen Einschnitten in unser aller Lebenswirklichkeit verbundene Zeit der kollektiven und sozialen Entbehrung unumgehbar.

ii) Phase II: (Gutes) Leben MIT Corona

Nur weil wir diese schwere Zeit mit größtmöglicher Disziplin und bemerkenswertem Zusammenhalt gemeistert haben, gelang es uns die zweite Welle der Pandemie zu brechen. So können wir heute – endlich – erste Schritte zurück in Richtung Normalität und Freiheit gehen. Dabei gilt es stets darauf zu achten, den gemeinsam erreichten Erfolg bei der Zurückdrängung von Covid19 nicht aufs Spiel zu setzen, wobei uns nunmehr wohl der Jahreszeiteffekt zupasskommen dürfte. Im hier als „Phase II“ überschriebenen Zeitraum der nächsten Monate gilt es folglich, einen Modus für ein (gutes) „Leben MIT Corona“ zu finden, der die Sehnsucht nach Normalität bestmöglich mit dem Bedürfnis nach Sicherheit in Einklang bringt. Den Schlüssel hierfür sehen wir im flächendeckenden Einsatz von (Selbst-)Tests auf Covid19, die uns eine sichere Öffnungsperspektive eröffnen, bis die Pandemie durch Impfung und Therapien final überwunden werden kann. Noch einmal heißt das Gebot der Stunde also: Testen, testen, testen – diesmal breiter als je zuvor, weil durch die Zulassung von Tests zur Eigenanwendung zwischenzeitlich der bisherige Flaschenhals der Verfügbarkeit medizinischen Fachpersonal überwunden werden konnte. Vor diesem Hintergrund muss sichergestellt werden, dass wir nicht vom Impfdebakel in ein Testdebakel schlittern, sondern jederzeit über ausreichend viele, zuverlässige Tests verfügen, wozu Bayerns Mittelstand einen veritablen Beitrag leisten kann. Darüber wird unser „Leben MIT Corona“ umso freier ausfallen können, je besser uns die Nachverfolgung von Infektionsketten – auch auf digitalem Wege – gelingt. Deshalb muss die überfällige Weiterentwicklung der Corona-WarnApp forciert und ihre europaweite Synchronisation erwogen werden. Insoweit als wir beim bisherigen Krisenmanagement insbesondere davon profitierten, unser politisches Handeln fortlaufend am Rat der Wissenschaft zu orientieren, sollten wir dies auch beim Lockup beherzigen. Konkret sehen wir Bedarf an Studien zur Infektionsausbreitung, um besser zu verstehen, wer sich wann und wo mit Covid19 infiziert – und hieraus belastbare Öffnungsperspektiven für Branchen mit geringem Risiko ableiten zu können. Schließlich müssen clevere Hygiene-, Abstands- und Organisationskonzepte erforscht, unter fachlicher Begleitung angewandt und evaluiert werden. Nur so kann es gelingen, unverzichtbare Bereiche wie etwa Kunst, Kultur, Sport und Gastronomie unter geeigneten Auflagen vom finanziellen Tropf des Staates zu lösen und geordnet hochzufahren. Bei alledem ist nicht auszuschließen, dass manche Schritte in Richtung dieses Lebens mit Corona zu mutig ausfallen mögen, sodass sie durch kleinere Rückschritte korrigiert werden müssen. Die Sorge hierum darf jedoch nicht zur Begründung dafür gereichen, stattdessen weitere Monate auf der Stelle zu treten.

iii) Phase III: Finale Überwindung der Pandemie

Zeitgleich zur vorbeschriebenen zweiten Phase, sind wir bereits in „Phase III“ gestartet: Die finale Überwindung der Coronapandemie mittels einer größtmöglichen Durchimpfung unserer Gesellschaft sowie der Erforschung von Therapien gegen Covid19.

Im Zuge dessen darf eine liberale Demokratie sensible Prozeduren wie das Impfen nicht legislativ verordnen. Anstelle einer Impfpflicht bedarf es vielmehr einer Impfkampagne, die den Menschen in unserer Heimat verdeutlicht, dass unser gemeinsamer Weg zurück zu Freiheit und Normalität über die Impfzentren führt. Dies kann Politik nicht alleine leisten. Vielmehr sind wir hierbei auf die Mitwirkung zivilgesellschaftlicher Multiplikatoren zwingend angewiesen, um möglichst alle Mitglieder unserer Gesellschaft zu erreichen – auch diejenigen, die womöglich der Politik den Rücken zugekehrt haben. So ist etwa jeder Künstler, der gerne wieder vor vollen Rängen auftreten will und jeder Sportler, den es zurück in volle Stadien zieht, herzlich eingeladen uns hierbei zu unterstützen. Jeder, dessen Bekanntheit sie oder ihn ermächtigt, im Alltag gegen Geld für Produkte zu werben, kann und sollte als Botschafter für das Impfen als Ticket zur kollektiven Freiheit gewonnen werden. Zeitgleich bleibt es die Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass jeder Impfwunsch schnellstmöglich erfüllt werden kann. Dabei sind nicht zuletzt auch solche Personengruppen chronologisch zu bevorzugen, die in Diensten des gesamtgesellschaftlichen Interesses an der „Coronafront“ wirken (z.B.: Pfleger, Erzieher, Lehrer). Wie es zu den bisherigen Verzögerungen bei der allzu schleppenden Beschaffung von Impfstoffen durch die Bundes- und Europaebene kommen konnte, bedarf – insoweit als es hierbei nicht einzig um Milliarden sondern schlechterdings um Leben und Tod geht – zwingend einer politischen Aufarbeitung, weshalb wir uns der Forderung nach einem Untersuchungsausschuss auf europäischer Ebene mit Nachdruck anschließen. Unser ausdrücklicher Dank gilt indes den bayerischen Kommunen, welche die Verimpfung der verfügbaren Vakzine in einem bemerkenswerten Kraftakt auf beeindruckende Weise sowie in atemberaubender Geschwindigkeit organisiert haben.
Neben allen berechtigten Bemühungen um eine schnellstmögliche Durchimpfung wesentlicher Teile der bayerischen Bürgerschaft, dürfen wir die Bemühungen um die Erforschung geeigneter Therapien gegen das Coronavirus nicht aus den Augen verlieren. Der hierfür durch die Regierungsfraktionen von FREIE WÄHLER und CSU gezündete „Forschungsturbo“ im Gegenwert von 50 Millionen Euro leuchtet dabei ein bislang unterbelichtetes Feld aus, denn: Auch wenn es über geeignete Therapien verlässlich gelingen würde, schwere Verläufe einer Coronainfektion abzumildern und Todesfälle zu vermeiden, wäre die Pandemie besiegt.


Nachstehendes Schaubild fasst die skizzierten drei Phasen der Corona-Krisenbewältigung plakativ zusammen:

 

Abb. 1: Phasen des „Bayernplan“ zur Bewältigung der Coronapandemie
(vergrößern per Mausklick)

Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass es sich bei der vorbeschriebenen Drei-Phasen-Strategie um ein Konzept im Hinblick auf die akute Krisenbewältigung handelt. Selbstredend werden sich hieran weitere Phasen – etwa zur ökonomischen und fiskalischen Restabilisierung – anschließen müssen, bevor wieder ein allgemeiner Normalzustand des politischen, gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Handelns erreicht werden kann.
Aus heutiger Sicht dominiert den politischen Diskurs nunmehr freilich insbesondere die Frage, wie ein gutes Leben MIT dem Virus zu strukturieren ist, bis die Pandemie final überwunden werden kann. Hierzu schlagen wir sukzessive Lockerungen der aktuellen Einschränkungen vor, deren Abfolge sich an mindestens drei Kriterien orientieren sollte.

II) Die Öffnungskriterien.

Um einen nachhaltigen Weg verantwortungsbewusster Öffnungen beschreiten zu können, muss die geradezu ideologische Engführung auf die Kennzahl des Inzidenzwertes aufgegeben werden. Immerhin schwankt dieser Indikator in beträchtlichem Maße mit der Zahl je durchgeführter Tests, sodass alleine im Zuge einer konsequenten Umsetzung der unter ii) anempfohlenen (Selbst-)Teststrategie von einem sprunghaften Anstieg der Inzidenz – selbst bei in Wahrheit konstantem oder sogar rückläufigem Infektionsstatus – auszugehen wäre. Auch ob seiner in Relation zur Durchimpfung fortlaufend sinkenden Aussagekraft im Hinblick auf die Gefahrenbeurteilung, seiner Entkopplung von der Hospitalisierungsquote und der mit sinkenden Zahlen unweigerlich steigenden Volatilität, kann der Inzidenzwert nicht auf Dauer als absoluter Indikator für das Krisenmanagement dienen. Folgerichtig wäre es falsch, die nunmehr erforderliche Öffnungsstrategie singulär an dieser Kennziffer auszurichten.
Stattdessen schlagen wir vor, die nächsten Schritte in Richtung Freiheit und Normalität an drei übergeordneten Kriterien zu orientieren, deren Ordnungslogik nachstehend beschrieben wird. Hieraus erwächst eine logische Abfolge von Lockerungsschritten, die – je mit einem zeitlichen Puffer von vierzehn Tagen – nacheinander in Kraft gesetzt werden sollten. Wann immer im Zuge dessen eine spürbare Zunahme der Infektionsdynamik zu verzeichnen sein sollte, gilt es entsprechend nachzusteuern, indem etwa der Prozess verlangsamt oder die Intensität von Schutzmaßnahmen erhöht wird. Die Angst vor unausschließbaren Rückfallen darf uns dabei nicht den Mut für vorsichtige Öffnungsschritte nehmen. Die Sorge davor, manche Lockerungen schlimmstenfalls im Verlauf nochmals zurücknehmen zu müssen, darf uns nicht hindern, sie überhaupt in Angriff zu nehmen und dazu veranlassen, stattdessen im Dauer-Stillstand zu verharren, der sich längst wie Mehltau über alle Bereiche unserer Lebenswirklichkeit gelegt hat.
[Ein Beispiel: Sollte die alsbald erhoffte Öffnung der Schulen in vollständigem Präsenzunterricht die Quote der Hospitalisierung auf bedenkliche Weise befeuern, so wären mindestens die Schutzmaßnahmen in den Bildungseinrichtungen weiter zu erhöhen (maximale Durchimpfung der (impfwilligen) Lehrer, möglichst vollständige Reihentests aller Schüler, kleinere Gruppen usw.). Im Zweifel kann ein (zu) mutiger Schritt nach vorne jederzeit auch durch einen Halbschritt zurück korrigiert werden. Im Beispiel darf uns die Sorge, dass vielleicht eine neuerliche Rückkehr zum Wechselunterricht nötig werden könnte, nicht von Haus aus davon abhalten, das übergeordnete Ziel der Präsenzbeschulung überhaupt ins Auge zu fassen. Denn: Auch Bildung und die Zukunftschancen unserer Kinder sind ein ehernes Staatsziel, das nicht auf unbegrenzte Zeit – quasi „sicherheitshalber“ – hinter dem Anliegen eines bestmöglichen Gesundheitsschutzes zurückstehen kann.]
Hinsichtlich der Rangfolge konkreter Schritte zurück in Richtung Freiheit und Normalität schlagen wir vor, Bayerns Öffnungsstrategie an den nachfolgenden drei Kriterien zu orientieren.

i) Die Wirkung von Schutzmaßnahmen

Unter all den geltenden Einschränkungen müssen – in Diensten einer möglichst vorsichtigen Annäherung an die Normalität – zunächst solche Beschränkungen zurückgenommen werden, von denen wir uns nur eine geringe Wirkung gegen das Coronavirus versprechen. Vorerst aufrechtzuerhalten sind solche Maßnahmen, von denen wir glauben, dass sie besonders wirkmächtig im Hinblick auf die Coronaprävention sind.
Beispielhaft ist anzunehmen, dass die Beschränkung des touristischen Ausflugsverkehrs aus Hot-Spot-Landkreisen kaum zur überregionalen Eindämmung von Covid19 beiträgt. Auch das nächtliche Ausgangsverbot, welches untersagt bei hoher Inzidenz nach 22 Uhr ohne seinen Hund das Haus zu verlassen, dürfte nur einen geringen Beitrag zur Zurückdrängung von Corona leisten. Es sind dies daher Maßnahmen, die zeitnah vollständig entfallen können, um zu bemessen, ob die Infektionsdynamik hierdurch merklich zunimmt – andernfalls sind derlei Regelungen obsolet.
Nächste Schritte könnten sodann über die stufenweise Erhöhung der zulässigen Kontaktpersoneneines Haushalts oder Öffnungen für Individualsportarten im Freien gegangen werden. Auch dies dürfte – gerade angesichts steigender Temperaturen in Richtung Frühjahr – gut möglich sein, ohne auf diese Weise eine neuerliche Eskalation von Corona zu provozieren.
Gänzlich anders verhält es sich mit Maßnahmen wie der Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken in bestimmten Kontexten, deren Einführung zu einem evidenten Rückgang der Infektionen führte. Derlei Auflagen kann – auch vor dem Hintergrund entsprechender empirischer Erfahrungen aus Asien – eine hohe Wirkung gegen das Virus zugedacht werden, sodass hieran vorerst weiter festzuhalten ist, um die Kontrolle über Covid19 zu behalten.
Ohne das Wirkungskriterium nunmehr an allen Facetten der aktuell geltenden Coronaverordnung durchzuexerzieren, wird dessen Ordnungslogik an diesen Beispielen klar. Der Leitsatz lautet: Zuerst zurücknehmen, was wenig Schutz bringt. Vorerst beibehalten, was gut wirkt!
Nachstehende Grafik veranschaulicht diese Überlegung:

Abb. 2: Kriterium der Wirkung von Schutzmaßnahmen
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Neben der Wirkung etwaiger Corona-Schutzmaßnahmen orientiert sich unsere Lockerungsstrategie an zwei weiteren Kriterien.

ii) Die Infektionswahrscheinlichkeit

Dieses Kriterium zielt darauf, die Öffentlichkeit zunächst in solchen Alltagssituationen wiederherzustellen, in denen von einer geringen Ansteckungswahrscheinlichkeit auszugehen ist. Vorerst im Lockdown sollten hingegen solche Kontexte verbleiben, von denen besonders viel Infektionsgeschehen zu erwarten ist.
Um diesen Faktor hinsichtlich unterschiedlicher Branchen beurteilen zu können, hat uns die Wissenschaft in den letzte Monaten zahlreiche Erkenntnisse an die Hand gegeben. So wissen wir etwa, dass es dort besonders coronagefährlich ist, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen. Auch gilt als gesichert, dass sich das Virus über Aerosole in geschlossenen Räumen aktiver verbreitet als im Freien. Nicht zuletzt ist die besondere Bedeutung von Hygiene(maßnahmen) unumstritten.
Schon hieraus ergibt sich, dass beispielsweise die Außen- vor der Innengastronomie geöffnet werden sollte. Ferner lässt sich ableiten, dass Öffnungen im Einzelhandel nicht einzig als grundständiges Problem betrachtet werden müssen, sondern über geeignete Abstands- und Hygienekonzepte zu einem Teil der Lösung werden könnten. Auch wird klar, dass eine Annäherung an ungeordnete Massenveranstaltungen nur über den vorsichtigen Restart von Kunst, Sport und Kultur mit verringerter Besucherzahl gelingen kann. Dabei ist auch zu bedenken, dass diverse Lockdown-Maßnahmen – gerade im Frühjahr sowie im urbanen Umfeld – unweigerlich einen nicht-intendierten (Um-)Lenkungseffekt mit sich bringen und zu unkoordinierter Gruppenbildung beitragen können. So ist etwa ernstlich zu erwägen, ob tausenden Münchnern an einem sonnigen Frühlingssonntag nicht weniger Coronagefahren lauern, wenn sie ihn in einem Biergarten mit Abstands- und Hygienekonzept verbringen, statt – in lockdownbedingter Ermangelung anderer Optionen – in großen Trauben auf dem Gärtnerplatz zusammenzustehen.
Zu bedauern verbleibt in diesem Zusammenhang, dass unsere Erkenntnislage zur Gefahrenträchtigkeit verschiedener Alltagssituationen im Hinblick auf Corona leider – auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie – noch immer recht kümmerlich ausfällt. Um uns beim Lockup ebenso verlässlich an akademischer Expertise orientieren zu können wie beim Lockdown, bedarf es deshalb gezielter Studien über Infektionsgefahren und die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen. Deren Durchführung im letzten Sommer weitgehend verpasst zu haben, darf als eine Lehre aus der bisherigen Krisenerfahrung gezogen werden. Denn: Nur wer die Logik des Infektionsgeschehens kennt, kann nachhaltige Öffnungsperspektiven hieran ausrichten. Einen größeren Beitrag dazu versprechen wir uns endlich auch von der Corona-WarnApp, die auf europäischer Ebene synchronisiert und mit erweiterten Kompetenzen zum Tracing des Infektionsgeschehens versehen werden muss. Die Abwägung des Gesundheitsschutzes darf nicht einzig gegenüber Wirtschaft, Bildung, Kunst, Kultur und Sport erfolgen, sondern muss auch die Grenzen des Datenschutzes sorgsam ausloten und mindestens das volle Potenzial der bereits gültigen Rechtslage ausschöpfen.
Je besser dies gelingt, desto stärker kann folgender Leitsatz unsere Öffnungsstrategie prägen: Schnell öffnen, wo wenig Ansteckung stattfindet. Vorerst geschlossen halten, was Corona befördert.
Nachstehende Graphik soll auch diesen Leitsatz visualisieren:

Abb. 3: Kriterium der Infektionswahrscheinlichkeit
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Schließlich beruht unsere Strategie für einen verantwortungsbewussten Exit aus dem harten Lockdown auf noch einem weiteren Kriterium.

iii) Die gesellschaftliche Bedeutung geschlossener Teilbereiche

Hierbei handelt es sich um ein Kriterium, das gänzlich losgelöst von virologischen Überlegungen und von einer rein (gesellschafts-)politischen Konnotation ist. Mit ihm wird dafür plädiert, Institutionen von einer gesteigerten gesamtgesellschaftlichen Bedeutung – zunächst ungeachtet des dortigen Infektionsgeschehens – früher zu öffnen als solche Branchen, deren Schließung zwar schmerzlich ist, aber ohne langfristige Nebenfolgen bleibt.
Wann immer solche Branchen identifiziert werden, gilt es sodann sie über geeignete Schutzkonzepte, vorgezogene Impfungen und intensive Massentests für einen möglichst schnellen und zeitgleich sicheren Coronabetrieb zu ertüchtigen.
Als Paradebeispiel hierfür können die Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen in unserem Land gelten. Wenngleich dort freilich zahllose Kontakte stattfinden, verursacht deren langfristige Schließung einen kaum kompensierbaren Schaden im Hinblick auf die Bildungs- und Zukunftschancen der jüngsten Mitglieder unserer Gesellschaft. Es ist daher anzustreben, dort schnellstmöglich zu einem vollwertigen Präsenzbetrieb zurückzukehren. Ebenso erscheint es legitim, die dafür unverzichtbare Sicherheit über einen erhöhten gesellschaftlichen (Mittel-)Einsatz zu gewährleisten – etwa indem Erzieher und Lehrer bevorzugt geimpft oder kostenlose Massentests aus Steuermitteln finanziert werden. Ein ähnliches Primat könnte in Zukunft auch – für uns zweifellos systemrelevanten – Einrichtungen der Kunst und Kultur oder dem Vereinsleben eingeräumt werden, von dem die besondere Lebensqualität in unserer Heimat abhängt. Zur Ehrlichkeit gehört es dabei aber auch, dass derlei Privilegien für Teilbereiche von besonderer gesamtgesellschaftlicher Bedeutung dadurch gegenüber dem Pandemiegeschehen refinanziert werden müssen, dass verzichtbarere Branchen vorübergehend noch etwas länger geschlossen bleiben müssen. Zugespitzt formuliert also: Vorfahrt für die Schulen – Geduld für Spielcasinos.
In einen letzten Leitsatz gefasst bedeutet dies folglich: Schnell öffnen, was unsere Gesellschaft dringend braucht. Vorerst geschlossen halten, worauf wir leichter verzichten können.
Auch diese Überlegung sei noch in einem abschließenden Schaubild illustriert:

Abb. 4: Kriterium der gesellschaftlichen Bedeutung geschlossener Teilbereiche.
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Zusammenfassend stellt der vorliegende Bayernplan für den Exit aus dem Lockdown einen Orientierungsrahmen dafür dar, wie ein gutes „Leben mit Corona“ strukturiert werden kann, bis Impfungen und Therapien endlich eine finale Überwindung der Pandemie ermöglichen. Ob ihrer unerwünschten Nebenfolgen widersagt er dabei einer NoCovid-Strategie ebenso entschieden, wie er konzeptlose Lockerungsfantasien ablehnt, die das gemeinsam Erreichte in Diensten der Ungeduld zu riskieren bereit sind. Stattdessen verstehen unsere Anregungen sich als pragmatische Empfehlungen für die Fortführung der Diskussionen zwischen den Ministerpräsidenten der deutschen Bundesländer und der Kanzlerin. Anhand der Bayerngleichung unserer Regierungskoalition aus Umsicht, Vorsicht und Zuversicht weisen wir damit einen verantwortungsbewussten Weg durch die Pandemie – zurück zu Freiheit und Normalität!