(c)Wolfgang Prokoph

05.11.2021
Keine Freiheit auf dem Rücken unserer Kinder - (M)Ein Plädoyer für die Jugend in der Pandemie

Wer sich aufmacht, in all dem Unglück von Corona nach etwas Gutem zu suchen, wird bei den jungen Menschen fündig. Das vielleicht erfreulichste Spezifikum von Covid-19 besteht darin, dass die todbringende Pandemie unsere Kinder weitgehend verschont. Als hätte das Virus ein Herz für unsere Kleinsten, erweist sich die Alterskohorte der Kinder und Jugendlichen als bemerkenswert resistent gegenüber SARS-CoV-2.

Konkret gesprochen werden zwar auch junge Menschen – nicht zuletzt im Zuge der regelmäßigen Reihentests an unseren Schulen – häufig positiv auf Corona getestet. Im Hinblick auf schwere Verläufe, Hospitalisierung oder gar Todesfälle, spielt die Gruppe der unter 20-Jährigen aber nahezu keine Rolle – obwohl sie in Ermangelung geeigneter Impfstoffe naturgemäß die geringste Impfquote aufweist und qua Schulpflicht überdurchschnittlich viele Kontakte pflegt.  

Folgerichtig darf man zweifelsfrei konstatieren, dass nachweislich eine – mutmaßlich vom Zusammenwirken mehrerer medizinischer Einflussgrößen geprägte – besondere Resistenz junger Menschen gegenüber dem Coronavirus besteht.

Überspitzt gesprochen ließe sich sogar folgende These vertreten: Würden alle Bevölkerungsgruppen so auf Corona reagieren wie junge Menschen, hätten die wissenschaftsfernen „Schwurbler“ aus der Querdenker-Szene Recht. Dann – und nur dann! – wäre die Pandemie in der Tat mit einer Grippewelle zu vergleichen. Niemand müsste in Sorge um die Kapazitätsgrenzen unseres Gesundheitssystems sein oder Einschränkungen des öffentlichen Lebens erwägen. Leider ist die Realität eine andere!

 

Das Brechen der ersten Wellen: Ein gewaltiger Solidarakt der jungen Generation!

Anders als die überwältigende Mehrheit der Kinder und Jugendlichen, waren vulnerable Bevölkerungsgruppen dem Coronavirus während der ersten Wellen schutzlos ausgeliefert. Über fünf Millionen Menschen fanden weltweit den Tod – in Deutschland sind bis heute fast 100 000 Menschen an Covid-19 gestorben. Dies obgleich hierzulande unverzüglich das öffentliche Leben heruntergefahren und die weitreichendsten Kontaktbeschränkungen der jüngeren Geschichte veranlasst wurden.

Junge Menschen waren – zum Glück – auch damals schon persönlich kaum gefährdet. Sie fungierten gleichwohl als potentielle Überträger des Virus gegenüber der übrigen Bevölkerung. Weil die Reduktion sozialer Kontakte zu diesem Zeitpunkt noch das einzig verfügbare Mittel zur Eindämmung der Pandemie war, mussten sämtliche Maßnahmen folgerichtig auch Kinder und Jugendliche vollumfänglich treffen.

Schulen wurden geschlossen, unwiederbringliche Lebensereignisse – von der Einschulung bis zur Abiturfahrt – entfielen ersatzlos, Freundeskreise wurden zerschlagen, soziale Entwicklungen vertagt, psychische Probleme generiert und Lebenschancen dezimiert.

Jenseits der individuellen Ebene wurden zusätzliche Staatsausgaben einer schwindelerregenden Dimension getätigt – Geld, das bei der Bewältigung anderer Masterthemen durch zukünftige Generationen schmerzvoll vermisst werden dürfte. All dies und noch viel mehr wurde vom Gros der jungen Menschen mit anerkennenswerter Disziplin zugunsten des Schutzes der Älteren ertragen. Der Preis dafür war ebenso unvermeidbar wie unbeschreiblich hoch.

Umso bedeutsamer erscheint es, dass nachfolgende Erkenntnis sich unverrückbar in das kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft einbrennt: Dass es uns gelungen ist, die ersten Wellen der Pandemie mit Erfolg zu brechen, verdanken wir nicht zuletzt einem gewaltigen Solidarakt der jungen Generation zugunsten der Gesamtbevölkerung!

Nun ist es an der Politik dafür zu sorgen, dass dieser Leitsatz nicht im wohligen Klang sprichwörtlicher Sonntagsreden verhallt. Stattdessen gebietet es die Fairness unter den Generationen, jene Erkenntnis zur Maxime politischen Handelns zu erheben, wenn es nunmehr neue Wellen mittels weiterer Maßnahmen zu beherrschen gilt.

Dass bislang eher das Gegenteil geschieht, mag daran liegen, dass Kinder und Jugendliche unter den demokratischen Entscheidern naturgemäß nicht vertreten sind. Umso schwerer wiegt die Verantwortung der jetzt Agierenden dafür, dass die mittel- und langfristige Zukunft unseres Landes und seiner Menschen nicht im politischen Coronatunnel dieser Tage stecken bleibt. Die Stabilität unserer Demokratie von morgen steht und fällt mit dem Zutrauen der Jungen in ihr Handeln von heute. Um weitere Wellen der Pandemie zu meistern, müssen daher Lehren aus unseren bisherigen Erfahrungen gezogen werden – eine darunter betrifft die Rolle junger Menschen.   

 

„Lehren aus Corona“: Intergenerationelle Solidarität darf keine Einbahnstraße sein!

Die Corona-Krisenlage im nahenden Winter 2021/22 unterscheidet sich in positiver Weise von unserer Situation vor einem Jahr. Dies leider nicht im Hinblick auf ein noch immer tödliches Infektionsgeschehen mit saisonal wachsender Dynamik. Doch aber bezüglich der Instrumente, die uns im gemeinsamen Kampf gegen die Pandemie zur Verfügung stehen. Impfungen und Tests haben unser Schwert bedeutend schärfer gemacht und die kollektive Schutzverantwortung des Staates zugunsten von mehr Eigenverantwortung reduziert.

Angehörige vulnerabler Bevölkerungsgruppen – und mit ihnen alle gesunden Erwachsenen – sind dem Virus nicht länger schutzlos ausgeliefert. Sie können ihr Infektionsrisiko durch Tests minimieren und per Immunisierung dafür sorgen, dass eine potentielle Erkrankung mit großer Wahrscheinlichkeit ihren tödlichen Schrecken verliert. Auf Letzteres zu verzichten, steht unbenommen jedem frei. Etwaige Konsequenzen einer solchen Entscheidung dürfen dann allerdings nicht länger zulasten anderer gehen.

Insoweit ist hiermit unweigerlich eine Beweislastumkehr zugunsten von Kindern und Jugendlichen verbunden, welche die Politik bislang verkennt. So war es bislang ein Gebot der Solidarität gewesen, dass junge Menschen sich zugunsten gefährdeter Erwachsener einschränkten, die Corona schutzlos ausgeliefert waren. In einer Zeit, in der Erwachsene sich selbst schützen können, ist dies nicht länger geboten. Allzu restriktive Maßnahmen gegenüber jungen Menschen, die von Corona wenig zu befürchten haben, haben folglich ihre Grundlage verloren.

Umso bedauerlicher ist es, dass diese eingängige Überlegung die Politik offenbar bislang nicht erreicht. Blickt man etwa auf das derzeit in Bayern verhängte Maßnahmenbündel, so zeigt sich sogar ein umgekehrtes Bild, das den Stand der Wissenschaft zulasten der Jugend ausblendet. Bewusst oder unbewusst unternimmt unsere Gesellschaft erneut den untauglichen Versuch, die Freiheit der Erwachsenen auf dem Rücken ihrer Kinder zu erkaufen.

Gefährdete Erwachsene dürfen ohne Test zur Arbeit sowie ohne Maske in Stadien, Discos und Kneipen sitzen – ja sogar ernstlich in Bordellen liegen. Kinder, die von Corona seit jeher wenig zu befürchten haben, werden zweimal pro Woche einer Reihentestung unterzogen und tragen am Sitzplatz in den Schulen Masken – um (ungeimpfte) Erwachsene nicht anzustecken, da diesen schwere Verläufe drohen könnten. Mit der gleichen Motivation forscht man nachdrücklich an einem Impfstoff für Fünfjährige. Nicht um Kinder vor einer für sie weithin unkomplizierten Infektion zu schützen, sondern die Erwachsenen vor ihnen.

Was schon auf den ersten Blick absurd wirkt, wächst sich zu einem wahren Frevel aus, wenn man sich den vorbeschriebenen Solidarbeitrag junger Menschen aus dem letzten Winter vor Augen führt. Denn: Intergenerationelle Solidarität darf keine Einbahnstraße sein!

 

Keine Freiheit auf dem Rücken unserer Kinder

Zur Vermeidung eines Missverständnisses sei dem Fazit vorangestellt, dass dies kein Plädoyer gegen die Tests an unseren Schulen ist – sie sind ein ebenso probates wie akzeptiertes Mittel zum Monitoring des Infektionsgeschehens. Darüber hinaus darf die Freiheit der Erwachsenen in diesem Winter aber kein zweites Mal auf dem Rücken unserer Kinder erkauft werden. Weitergehende Maßnahmen – etwa eine dauerhafte Maskenpflicht für Schüler am Sitzplatz, die neuerliche, flächendeckende Schließungen von Schulen oder altersspezifische Einschränkungen im privaten Bereich – sind unter Verweis auf die vorbeschriebenen Argumente zwingend zu vermeiden. Zukünftig sogar Impfdruck gegenüber Kindern aufzubauen, weil zu viele Erwachsene eine Immunisierung ablehnen, verbietet sich kategorisch.